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Die mündliche Überlieferung von geschichtlichen Ereignissen, spielte seit je her eine große Rolle im
Leben der Menschen und deren weitergabe an Informationen. Besonders in Zeiten in denen es wenige
Menschen gab wo Lesen und schreiben konnten, wurden Ereignisse mündlich übertragen.
Insbesondere in Form von Geschichten, Sagen und Mythen leben sie bis heute weiter.

Ich möchte auf dieser Seite einen kleinen Einblick geben über Ereignisse die sich in meiner Region
zugetragen haben müssen.





Die Sage von Heinrich von Kempten

Kaiser Otto der Große wurde in allen Landen gefürchtet und war strenge
und ohne Milde und trug einen schönen roten Bart; was er bei diesem Barte schwur,
machte er wahr und unabwendlich. Nun geschah es, daß er zu Babenberg (Bamberg)
eine prächtige Hofhaltung hielt, zu welcher geistliche und weltliche Fürsten des
Reiches in großer Zahl kommen mußten. Ostermorgens zog der Kaiser mit allen
diesen Fürsten in das Münster, um die feierliche Messe zu hören, unterdessen in der
Burg zu dem Gastmahl die Tische bereitet wurden; man legte Brot und setzte schöne
Trinkgefäße ringsum. An des Kaisers Hof diente aber dazumal auch ein edler und
vornehmer Knabe; sein Vater war Herzog in Schwaben und hatte nur diesen einzigen
Erben.
Dieser schöne Jüngling kam von ungefähr vor die Tische gegangen, griff nach einem
linden Brot mit seinen zarten, weißen Händen, nahm es auf und wollte essen,
wie alle Kinder sind, die gerne in hübsche Sachen beißen, wonach ihnen der Wille
steht. Wie er nun ein Teil des weißen Brotes abbrach, ging da mit seinem Stabe
des Kaisers Truchseß, welcher die Aufsicht über die Tafel haben sollte; der schlug
zornig den Knaben aufs Haupt, so hart und ungefüge, daß ihm Haar und Haupt
blutig ward. Das Kind fiel nieder und weinte heiße Tränen, daß der Truchfeß gewagt
hätte, es zu schlagen. Das ersah ein auserwählter Held, genannt Heinrich von
Kempten, der war mit dem Kinde aus Schwaben gekommen und dessen
Zuchtmeister; heftig verdroß es ihn, daß man das zarte Kind so unbarmherzig
geschlagen hatte, und fuhr den Truchsessen, seiner Unzucht wegen, mit harten
Worten an. Der Truchseß sagte, daß er kraft seines Amtes allen ungefügten
Schälken am Hofe mit seinem Stabe wehren dürfe. Da nahm Herr Heinrich einen
großen Knüttel und spaltete des Truchsessen Schädel, daß er wie ein Ei zerbrach
und der Mann tot zu Boden sank.
Unterdessen hatten die Herren Gott gedient und gesungen und kehrten zurück;
da sah der Kaiser den blutigen Estrich, fragte und vernahm, was sich zugetragen
hatte. Heinrich von Kempten wurde auf der Stelle vorgefordert, und Otto, von
tobendem Zorn entbrannt, rief: "Daß mein Truchseß hier erschlagen liegt,
schwöre ich an Euch zu rächen; sam mir mein Bart!" Als Heinrich von Kempten
diesen teuren Eid ausgesprochen hörte und sah, daß es sein Leben galt, faßte
er sich, sprang schnell auf den Kaiser los und begriff ihn bei dem langen, roten
Barte. Damit schwang er ihn plötzlich auf die Tafel, daß die kaiserliche Krone
von Ottos Haupte in den Saal fiel; und zuckte - als die Fürsten, den Kaiser von
diesem wütenden Menschen zu befreien, herzusprangen - sein Messer, indem er
laut ausrief: "Keiner rühre mich an, oder der Kaiser liegt tot hier!" Alle traten hinter
sich, Otto, mit großer Not winkte es ihnen zu; der unverzagte Heinrich aber
sprach: "Kaiser, wollt Ihr das Leben haben, so tut mir Sicherheit, daß ich genese!"
Der Kaiser, der das Messer an seiner Kehle stehen sah, bot alsbald die Finger in
die Höhe und gelobte dem edlen Ritter bei kaiserlichen Ehren, daß ihm das Leben
geschenkt sein solle.
Heinrich, sobald er diese Gewißheit hatte, ließ er den roten Bart aus seiner Hand
und den Kaiser aufstehen. Dieser setzte sich aber ungezögert auf den königlichen
Stuhl, strich sich den Bart und redete in diesen Worten: "Ritter, Leib und Leben
habe ich Euch zugesagt; damit fahrt Eurer Wege, hütet Euch aber vor meinen
Augen, daß sie Euch nimmer wieder sehn, und räumt mir Hof und Land! Ihr seid
mir zu schwer zum Hofgesind, und mein Bart müsse immerdar Euer Schermesser
meiden!" Da nahm Heinrich von allen Rittern und Bekannten Urlob und zog gen
Schwaben auf sein Land und Feld, das er vom Stifte zu Lehen trug; lebte einsam
und in Ehren.
Danach über zehn Jahre begab es sich, daß Kaiser Otto einen schweren Krieg
führte, jenseits des Gebirges, und vor einer festen Stadt lag. Da wurde er nothaft
an Leuten und Mannen und sandte heraus nach deutschen Landen: Wer ein Lehn
von dem Reiche trage, solle ihm schnell zu Hilfe eilen, bei Verlust des Lebens und
seines Dienstes. Nun kam auch ein Bote zu dem Abt nach Kempten, ihn auf die
Fahrt zu mahnen. Der Abt besandte wiederum seine Dienstleute und forderte
Herrn Heinrich, als dessen er vor allem bedürftig war. "Ach, edler Herr, was wollt
Ihr tun?" - antwortete der Ritter - "Ihr wißt doch, daß ich des Kaisers Huld verwirkt
habe; lieber geb ich Euch meine zwei Söhne hin und lasse sie mit Euch ziehen."
"Ihr aber seid mir nötiger als sie beide zusammen" - sprach der Abt - "ich darf Euch
nicht von diesem Zuge entbinden, oder ich leihe Euer Land andern, die es besser
zu verdienen wissen." "Traun" - antwortete der edle Ritter - "ist dem so, daß Land
und Ehre auf dem Spiel stehen, so will ich Euer Gebot leisten; es komme, was da
wolle, und des Kaisers Drohung möge über mich ergehen."
Hiermit rüstete sich Heinrich zu dem Heerzug und kam bald nach Welschland
[Italien] zu der Stadt, wo die Deutschen lagen; jedoch barg er sich vor des Kaisers
Antlitz und floh ihn. Sein Zelt ließ er ein wenig seitwärts vom Heere schlagen.
Eines Tages lag er da und badete in einem Zuber und konnte aus dem Bad in die
Gegend schauen. Da sah er einen Haufen Bürger aus der belagerten Stadt kommen
und den Kaiser dagegenreiten zu einem Gespräch, das zwischen beiden Teilen
verabredet worden war. Die treulosen Bürger hatten aber diese List ersonnen;
denn als der Kaiser ohne Waffen und arglos zu ihnen ritt, hielten sie gerüstete
Mannschaft im Hinterhalte und überfielen den Herrn mit frechen Händen, daß sie
ihn fingen und schlügen. Als Herr Heinrich diesen Treubruch und Mord geschehen
sah, ließ er Baden und Waschen, sprang aus dem Zuber, nahm den Schild mit der
einen und sein Schwert mit der andern Hand und lief bloß und nackend nach dem
Gemenge zu. Kühn schlug er unter die Feinde, tötete und verwundete eine große
Menge und machte sie alle flüchtig. Darauf löste er den Kaiser seiner Bande und
lief schnell zurück, legte sich in den Zuber und badete nach wie vor. Otto, als er
zu seinem Heer wieder gelangte, wollte erkundigen, wer sein unbekannter Retter
gewesen wäre; zornig saß er im Zelt auf seinem Stuhl und sprach: "Ich war
verraten, wo mir nicht zwei ritterliche Hände geholfen hätten; wer aber den
nackten Mann erkennt, führe ihn vor mich her, daß er reichen Lohn und meine Huld
empfange: kein kühnerer Held lebt hier noch anderswo."
Nun wußten wohl einige, daß es Heinrich von Kempten gewesen war; doch
fürchteten sie, den Namen dessen auszusprechen, dem der Kaiser den Tod
geschworen hatte. "Mit dem Ritter" - antworteten sie - "steht es so, daß schwere
Ungnade auf ihm lastet; möchte er deine Huld wieder gewinnen, so ließen wir ihn
vor dir sehen." Da nun der Kaiser sprach: "Und wenn er ihm gleich seinen Vater
erschlagen hätte, solle ihm vergeben sein", nannten sie ihm Heinrich von Kempten.
Otto befahl, daß er alsobald herbeigebracht würde; er wollte ihn aber erschrecken
und übel empfahen.
Als Heinrich von Kempten hereingeführt war, gebärdete der Kaiser sich zornig
und sprach: "Wie getrauet Ihr mir unter Augen zu treten? Ihr wißt doch wohl,
warum ich Euer Feind bin, der Ihr meinen Bart gerauft und ohne Schermesser
geschoren habt, daß er noch ohne Locke steht. Welch hochfärtiger Übermut hat
Euch jetzt daher geführt?" "Gnade, Herr" - sprach der kühne Degen - "ich kam
gezwungen hierher, und mein Fürst, der hier steht, gebot es bei seiner Hulden.
Gott sei mein Zeuge, wie ungern ich diese Fahrt getan; aber meinen Diensteid
mußte ich lösen. Wer mir das übel nimmt, dem lohne ich so, daß er sein letztes
Wort gesprochen hat." Da begann Otto zu lachen: "Seid mir tausendmal
willkommen, Ihr auserwählter Held! Mein Leben habt Ihr gerettet; das mußte ich
ohne Eure Hilfe verloren haben, seliger Mann." So sprang er auf, küßte ihm Augen
und Wangen. Ihr zweier Feindschaft war dahin und eine lautere Sühne gemachet;
der hochgeborne Kaiser lieh und gab ihm großen Reichtum und brachte ihn zu
Ehren, deret man noch gedenket.





Der schwarze Ritter von Rettenberg

Dort, wo heute nur noch eine Ruine als Zeuge von alten Zeiten steht, stand einst
die stolze Burg zu Rettenberg. Die Sage um den Schwarzen Ritter von Rettenberg
nimmt ihren Anfang, als der dort ansässige Ritter auf Kreuzzug ins Heilige Land
aufbrach. Viele Jahre war er fern der Heimat, erst im Kampf, später in
Gefangenschaft, wo er zahlreiche Entbehrungen auf sich nehmen musste.
In diesen Jahren der Abwesenheit machte sein Freund der schönen Ehefrau des
Burgbesitzers den Hof. Die Sage erzählt uns, dass er keine Gelegenheit ausließ,
um die Rittersfrau davon zu überzeugen, dass ihr Mann im Kampf gefallen war
und nie wieder zurückkommen werde. Und mit jedem Jahr das verging, schmolz
ihre Hoffnung, ihren geliebten Mann jemals wieder lebend in die Arme schließen
zu können.
Der Ritter indessen hatte sich aus der Gefangenschaft befreit und trat die
gefahrvolle Reise in die Heimat an. In Lumpen, halb verhungert und ausgemergelt,
klopfte er genau an dem Tag an das verschlossene Tor der Burg, an dem die
Vermählung seines Freundes mit seiner eigenen Frau stattfand. Da man ihn in
seinem Zustand für einen armen Bettler hielt, bekam der Ritter zu Ehren des
Brautpaares einen Becher Wein. Voller Zorn und Wut warf er seinen Ehering in
den Wein und lies in der Braut bringen. Doch damit nicht genug: der Ritter zog
sein Schwert und erschlug das in seinen Augen gottlose Brautpaar und vertrieb
die Hochzeitsgesellschaft von der Burg.
Fortan hauste er dort allein. Doch der Zorn verflog und zurück blieb eine ihn
verzehrende Reue.

Noch heute finden wir das Rettenberger Wappen an einer Säule der Geburtsbasilika in Bethlehem.
Wahrscheinlich war einer der Rettenberger unter Kaiser Heinrich II. am 5. Kreuzzug
(1228/29) nach Jerusalem beteiligt, was die Sage untermauern könnte.